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Dr. Hansjacob SchneiderDas I Ging in den Kunstwerken Curt Walter TannhäusersGeschichte des I GingEranos-Übersetzung des I Ging Das altchinesische Orakel- und Weisheitsbuch I Ging ist in vielen von Curt Walters Kunstwerken präsent - manchmal offensichtlich, manchmal eher als Inspirationsquelle, die nicht in konkreter Form in Erscheinung tritt. Was ist denn das I Ging? Kurz gesagt handelt es sich um eine der wichtigsten chinesischen Textsammlungen, welche die Kultur Chinas seit 3000 Jahren prägt. In seinen Ursprüngen geht das I Ging zurück auf schamanistische Orakelsprüche, die gegen Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends entstanden sind. Diese Sprüche beschreiben in bildlich-symbolhafter Sprache Grundsituationen des menschlichen Lebens. Diese Texte entspringen nicht der Welt des ordnenden Verstandes sondern der nicht-rationalen Parallelwelt der Seele. Die Seele kennt weder Zeit noch rational geordnete Strukturen, sondern nur die Welt der Bilder und der Gefühle. Mit dem Denken können wir den Gehalt der Orakeltexte des I Ging nie ganz verstehen, wir müssen die bildhafte Sprache auf einer anderen Ebene zu erfassen versuchen, auf der Ebene der Intuition, der Vorstellungskraft und der Gefühle. Wir müssen, wie ein Text zum I Ging empfiehlt, die Worte "in unserem Herzen drehen und wenden".Der Schweizer Tiefenpsychologe C.G. Jung hat sich intensiv mit dem I Ging beschäftigt und hat seinen Begriff der Archetypen mit dem Orakel in Verbindung gebracht: Die seelische Schicht, aus der die Orakelsprüche entstanden sind, identifiziert er als die Schicht der Archetypen, also der in der menschlichen Psyche gespeicherten überpersönlichen und überkulturellen, d.h. alle seelischen Erfahrungen der Menschheit umfassenden Triebkräfte des Lebens. Die im Herbst 2000 erscheinende Eranos-Übersetzung des I Ging ist ein Versuch, möglichst nahe an der archetypischen Ebene des I Ging zu bleiben. Es gehört wahrscheinlich zum Wesen der Kunst, dass sie Ausdruck auch archetypischer Erfahrungen ist. Das I Ging kann dafür eine wirkungsvolle Basis sein: Künstler wie der Komponist John Cage, die Tänzerin und Choreographin Carolyn Carlson und der Regisseur Federico Fellini haben sich intensiv mit dem I Ging auseinandergesetzt und sich davon inspirieren lassen. Der alte chinesische Text wurde so Teil des kulturellen Erbes auch in der westlichen Welt. Was es bedeutet, "sich mit dem I Ging auseinandersetzen" oder "sich vom I Ging inspirieren lassen", sehen wir am Beispiel eines Werkes von Curt Walter:In einem der 64 Kapitel, der sogenannten Hexagramme, des I Ging steht das Bild des Brunnens im Zentrum. Der Brunnen ist für die Menschen ein Ort, wo sie in Kontakt mit dem Wasser der Tiefe kommen, das ihnen Fruchtbarkeit bringt. Letzteres allerdings nur, wenn der Brunnen gut gewartet wird und das Wasser sauber ist. In den Texten des I Ging werden verschiedene Brunnen beschrieben, angefangen vom verschlammten Wasserloch, wo nicht einmal mehr Tiere sich laben, bis hin zum Brunnen, der das saubere Regenwasser auffängt und reines Wasser liefert.Dieses Hexagramm hat Curt Walter in Bad Münster am Stein mit der Brunneninstallation "wishing well" umgesetzt, indem er für jeden Brunnen der I Ging-Texte einen entsprechenden Brunnen dargestellt hat. Entstanden ist ein Kunstwerk, das uns auf unsere eigenen Tiefen verweist, in denen das Lebenswasser strömt, aber auch auf unsere Verantwortung gegenüber dem eigenen inneren Brunnen und auf die damit zusammenhängende Verantwortung gegenüber den äusseren Brunnen und dem Schutz der Natur. Hors-sol, das von Curt Walter in Bad Ragaz ausgestellte Werk, hat eine lange Entstehungsgeschichte: Von 1981-1986 hat der Künstler Gipsabgüsse von 3168 Gesichtern hergestellt und 1992 hat er sie zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Die Idee, die Gipsgesichter für die Ausstellung in Bad Ragaz noch einmal in veränderter (umgekehrter, nämlich konkaver) Form zu präsentieren, stand am Anfang des Projektes für Bad Ragaz. Zu dieser Idee befragte Curt Walter das I Ging und erhielt als Antwort das Hexagramm 24 "Zurückkehren". Der Name dieses Hexagramms bedeutet unter anderem auch ÔAnhalten und zum Ausgangspunkt zurückkehren, um den gleichen Ablauf in verbesserter Form nochmals zu vollziehen; wiederkehren; wiederherstellen, zurückverfolgen in eine frühere Zeit, an einen früheren OrtÕ. In der Tat ging es für Curt Walter nicht darum, die gleiche Ausstellung noch einmal zu machen sondern um eine Wiederverwendung des gleichen Materials in neuer ("verbesserter") Form.An anderer Stelle im Hexagramm 24 kommt ein Gedanke vor, der mit dem Heraustreten der Erscheinung aus den Gipsabgüssen verwandt ist, nämlich die Vorstellung, dass etwas aus dem Ei oder aus der Knospe hervorkommt, dass ein Potential in Erscheinung tritt. In Curt Walters Installation entsprechen diesem Vorgang die Erscheinungen, die aus den Masken hervortreten. Während die immateriellen Archetypen die Tendenz haben, sich in der Welt zu konkretisieren, versucht Curt Walter mit seinen Gesichtsabgüssen den umgekehrten Weg: Aus dem Materiellen erschafft sich der Betrachter durch seine Wahrnehmung eine immaterielle Erscheinung, eine Idee. Dabei erlebt er eine Art Spannungszustand, der seinen Ursprung in der Dualität des Kunstwerks hat. Der Betrachter muss die Bilder sozusagen selbst "herstellen" und er kann dann wieder in die materielle Welt zurückkehren. Das Spiel mit Erscheinung und Sein führt uns näher an die Welt der Ideen heran. Eine ähnliche Erfahrung machen wir bei der Auseinandersetzung mit den Texten des I Ging: Auf der sozusagen materiellen Ebene lesen wir Wörter, die sich auf eine konkrete Wirklichkeit beziehen (die allerdings für uns zeitlich und kulturell weit entfernt Geborene oft nicht leicht nachzuvollziehen ist). In Hexagramm 24 heisst es z.B.: "Am siebten Tag kommt das Zurückkehren." Die Zahl sieben kann hier einerseits wörtlich verstanden werden, andererseits aber ist sie in vielen Kulturen eine magische Zahl, welche die Grundlage der gesamten Formenwelt bildet: die sieben Himmelskörper (Sonne, Mond und die fünf in der Antike bekannten Planeten), die sieben Wochentage und im chinesischen Raum das Spiel Tangram, das auf der Einteilung des Quadrates in sieben Grundformen beruht. So gesehen haben wir es mit einer überkulturellen Grösse zu tun, hinter der wir archetypische Inhalte erahnen, die mit Grundformen zu tun hat, die ein Vollständiges bilden. Man kann den Satz dann etwa so lesen: "Wenn alle Formen geschaffen sind, ist es Zeit, nochmals zurückzugehen, um sie zu verbessern." Dieser Sinn ist eine Art "Erscheinung", die zur wörtlichen Bedeutung der Zahl Sieben als mathematische Grösse hinzutritt. Typisch für die Welt der Erscheinungen ist, dass hier keine Eindeutigkeit herrscht. Die oben vorgeschlagene Deutung ist natürlich nur eine von vielen: Jeder Leser wird die Idee der Zahl Sieben in seiner Situation und auf Grund seiner Erfahrungen auf seine ganz persönliche Art verstehen Ð und doch drehen sich diese Ideen um ein und dieselbe Vorstellung der Formenganzheit. Und auf diese Formenganzheit zielt ja auch das Werk von Curt Walter: 3168 verschiedene Gesichtsformen aus den verschiedensten Kulturen verweisen auf die Idee des Gesichts an sich, die hinter jedem einzelnen Gesicht steht. Die Erkenntnis, dass sich Materie und Geist durchdringen ist in der chinesischen Vorstellung grundlegend und wird als der Idealfall des Verhältnisses dieser beiden Dimensionen gesehen, der nicht immer erreicht wird: So durchdringen sich im Hexagramm 11 (Der Austausch) der Himmel und die Erde gegenseitig, während sie sich im darauffolgenden Hexagramm 12 (Die Blockierung) voneinander wegbewegen. Die gestalterische Umsetzung dieses Grundprinzips in Curt Walters "Hors sol"-Projekt, die Verbindung zum Archetypischen macht einen wesentlichen Teil der Anziehungskraft aus, die von diesem Werk ausgeht.
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