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Dr. Hansjacob Schneider


Das I Ging in den Kunstwerken Curt Walter Tannhäusers

Zur Geschichte des I Ging

Eranos-Übersetzung des I Ging


Die früheste Version des I Ging wurde 1973 in einem Grab entdeckt, das 168 v.Chr. geschlossen wurde. Wir wissen aber, dass das I Ging schon lange vorher existiert hat, denn andere Bücher, die viel früher geschrieben wurden, berichten über I Ging-Befragungen und über einzelne Sprüche daraus, die wir heute noch kennen.

Sprachliche Hinweise, historische Referenzen im I Ging und andere Indizien lassen vermuten, dass die älteste Textschicht ungefähr im 9. Jahrhundert v. Chr. zusammengestellt wurde. In ihren Ursprüngen ist das I Ging aber wahrscheinlich um einiges älter; seine Texte wurden wahrscheinlich über lange Zeit mündlich überliefert, bevor sie in die Schrift gefasst wurden.

In ihren Ursprüngen gehen die Texte des I Ging auf schamanistische Praktiken zurück, die bereits zu Beginn der Shang Dynastie (ca. 1765-1123 v.Chr.) in Gebrauch waren. Die Shang stammten aus dem Hochplateau von Zentralasien und hatten dank der Beherrschung der Bronzetechnik ihre Herrschaft über das in der Ebene des Gelben Flusses wohnende Agrarvolk ausgebreitet.Die Shang-Schamanen praktizierten das sogenannte Feuerorakel, d.h. sie erhitzten einen Bronzestab und brachten ihn mit Tierknochen oder Schildkrötenpanzern in Berührung. Dadurch entstanden Risse in den Knochen.Dieses Muster barg nach dem damaligen Verständnis eine Botschaft aus der Welt der Götter und Geister. In einem Zustand der Trance wurde der Schamane zum Vermittler dieser Botschaft. Die Orakelsprüche prägten sich im Gedächtnis der Kultur ein, wurden von Generation zu Generation übermittelt und bildeten nach und nach eine mündliche Tradition, die ständig angereichert wurde.

Die Verwendung von Schildkrötenpanzern war nicht zufällig: Der Schildkrötenpanzer birgt nach chinesischer Vorstellung das "Geheimnis von Himmel und Erde": Der flache, viereckige Bauchpanzer symbolisiert die Erde, das Materielle, während der gewölbte Rückenpanzer für den Himmel, das Geistige, steht. Die Schildkröte bewohnt den Raum dazwischen, ist also mit beiden Dimensionen in Kontakt und nimmt daher unter den Tieren eine besondere Stellung ein.

Die Risse, die auf dem Schildkrötenpanzer erschienen, erhielten so ein besonderes Gewicht: Sie wurden symbolisch als Konstellation der Kräfte "im Himmel und auf der Erde" zu einem bestimmten Moment aufgefasst.Und darum geht es beim I Ging im Wesentlichen: Um das Erfassen der Kräftekonstellation im Himmel und auf der Erde, die auf eine bestimmte Situation einwirkt. Das I Ging prophezeit also nicht im eigentlichen Sinn, sondern es stellt die versteckten Wirkkräfte einer Situation dar. Wenn man die aber kennt und in seine Handlungen einbeziehen kann, so kann man den Verlauf eines Vorhabens besser einschätzen.

Eine riesige Anzahl von Orakelknochen und Schildkrötenpanzern aus der Shang-Zeit wurde in unserem Jahrhundert entdeckt: Meist ist auf den Knochen die Frage notiert, das Muster der Risse ist sichtbar und die Antwort wurde ebenfalls auf dem Knochen festgehalten.Daraus wird ersichtlich, dass um etwa 1200 v.Chr. praktisch ausschliesslich die Herrscher das Orakel verwendeten. Die Befragungen drehten sich um Opferrituale, Jagd und Feldzüge.

Im Verlauf der Jahrhunderte wurde das aufwändige und komplizierte Verfahren des Feuerorakels von einer einfacheren Orakelprozedur abgelöst, dem Legen von Schafgarbenstäbchen.Die Schafgarbenprozedur besteht darin, 50 Stäbchen mehrmals nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen zu teilen und diese dann nach einem bestimmten System abzuzählen. Beim Feuerorakel mussten zuerst Tiere geschlachtet werden, dann wurde der Hofstaat versammelt und in einem Ritual wurde das Orakel befragt. Mit dem viel einfacheren Gebrauch der Stäbchen weitete sich auch der Kreis der Orakelbenutzer stetig aus, und vom 6. Jahrhundert v. Chr. an finden wir zahlreiche Hinweise, dass auch Edelleute, später dann immer mehr auch gewöhnliche Bürger das Schafgarbenorakel verwendeten.

Die Schafgarbenprozedur hat also den Gebrauch des I Ging wesentlich vereinfacht.

Betrachten wir nun den Namen des I Ging, in der heute gebräuchlichsten Umschrift Yi Jing, etwas näher: Das chinesische Schriftzeichen für Yi bedeutet einerseits "Wandlung", "Wandlungsfähigkeit" oder "Wandlungsbereitschaft". Andererseits hat es auch die Bedeutung "Leichtigkeit". Die Leichtigkeit des Gebrauchs, aber auch die leichte, flexible Haltung den Wechselfällen des Lebens gegenüber sind hier angesprochen.

Zunächst aber zurück zur Geschichte des I Ging: Im Laufe der Jahrhunderte verbreiteten sich die Texte des I Ging immer mehr. Während der Zeit der kämpfenden Staaten (4. und 3. Jahrhundert v. Chr.), als extremste Brutalität und Verunsicherung herrschten und die Menschen nicht wussten, wie sie den nächsten Tag überleben würden, soll das Schafgarbenorakel täglich gelegt worden sein.

Auf diese Zeit der Wirren folgte eine Periode relativer Stabilität, nachdem die Han die Überhand gewonnen und ein grosses Kaiserreich gegründet hatten. Die Han-Dynastie regierte von ca. 200 v.Chr. bis ca. 200 n. Chr. In dieser Zeit wurden die Orakelsprüche gesammelt und kanonisiert. Auch andere alte Werke der chinesischen Literatur wurden in eine offiziell anerkannte Form gebracht. So entstanden die offiziellen Klassiker, das sind die fünf in der damaligen Zeit als die wichtigsten erachteten Bücher. Seit jener Zeit heisst das Schafgarbenorakel auch I Ging, wobei "Ging" die Bedeutung "klassisches Buch" hat. Der ganze Name I Ging bedeutet also etwa "der Klassiker der Wandlungsbereitschaft".

Unter den fünf Klassikern der chinesischen Kultur nimmt das I Ging insofern eine Vorrangstellung ein, als es zu einem Grundlagenwerk der chinesischen Philosophie geworden ist, auf das sich alle wissenschaftlichen Disziplinen immer wieder bezogen haben.Auch rankten sich um das I Ging ganze Theorien von der Entstehung des Kosmos. So sehen wir in China den auf der Welt fast einzigartigen Vorgang, dass ein Orakel zu einem philosophischen Grundgerüst für eine Kultur wird.Möglich wird eine solche Erweiterung durch die Sprache des I Ging, welche die archetypische Schicht des Menschen berührt und in ihrer Offenheit die verschiedensten menschlichen Gedankengebäude beherbergen kann.

Die Sonderstellung des I Ging blieb erhalten, und jeder Wissenschaftler, der etwas auf sich hielt, brachte seine Ideen mit dem I Ging in Verbindung. Im Jahre 1715 liess Kaiser Kang Xi die Orakeltexte und die wichtigsten Kommentartexte in einem Buch sammeln, der sogenannten "Palastausgabe des I Ging".

Erst zur Zeit des kommunistischen China wurde das I Ging unterdrückt. Es wird aber in China heute noch angewandt.

Struktur und Text des I Ging
Die bereits erwähnte Zahl von 64 Hexagrammen ergibt sich aus einem rein formalen Anordnungssystem von zwei verschiedenartigen Linien auf 6 Plätzen. Das Wort Hexagramm bezieht sich auf diese Struktur aus 6 Linien. Die beiden Arten von Linien symbolisieren die beiden Grundprinzipien des chinesischen Denkens: Eine offene Linie steht für das Biegsame, Nachgiebige, Materielle, die ganze Linie für das Feste, Beharrliche, Geistige. Auch im Westen sind die dafür stehenden Begriffe Yin und Yang in den letzten Jahrzehnten ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gedrungen.

Jedes Hexagramm hat eine Nummer (zwischen 1 und 64) und einen Namen. Der Name beschreibt die Grundstimmung, die Atmosphäre des Hexagramms: Beim 32. Hexagramm wird z.B. eine Situation der Dauer, des Durchhaltens beschrieben, in Hexagramm 33 eine Situation des Rückzugs usw.Zum Namen hinzu kommen noch mehrere Texte, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden. Sie beschreiben in bildhafter Sprache Grundsituationen des menschlichen Erlebens. Oft enthalten sie bewertende Zusätze, die anzeigen, ob ein beschriebenes Verhalten im Kontext des bestimmten Hexagramms "sinngebend", "ohne Fehler", "beschämend" usw. ist.Einen wichtigen Teil der Texte bilden die Orakelsprüche zu den 6 Linien eines Hexagramms. Wer ein Hexagramm legt, erhält möglicherweise sogenannte Wandlungslinien: Das sind Linien, die zwar die Yin- oder Yang-Qualität symbolisieren, die aber dabei sind, sich in ihr Gegenteil zu wandeln (von offen zu ganz und umgekehrt). Diesen Wandlungslinien sind für jedes Hexagramm bestimmte Texte zugeordnet, die einen spezifischen Aspekt der Situation (im Hexagramm, aber auch des Befragenden) beleuchten.