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Dr. Hansjacob Schneider


Das I Ging in den Kunstwerken Curt Walter Tannhäusers
Geschichte des I Ging

Eranos-Übersetzung




Im Westen wurden ab dem 18. Jahrhundert Übersetzungsversuche des I Ging gemacht, aber die erste für die Allgemeinheit einigermassen verständliche Ausgabe in einer europäischen Sprache stammt vom deutschen Missionar Richard Wilhelm (1873-1930). Er schaffte dank seiner tiefen Beziehung zur chinesischen Kultur, Philosophie und Lebensart die Meisterleistung, ein Stück spezifisch chinesischen Gedankengutes ins Deutsche zu übertragen. Dabei flossen viele Deutungen ein, die von Wilhelms neokonfuzianischem Lehrer Lao Nai-xuan stammen. So werden die 6 Linienplätze in Entsprechung zu einer gesellschaftlichen Hierarchie gebracht und die einzelnen Orakelsprüche auf dem Hintergrund von Konfuzius" Lehre (unter Einbezug von taoistischen und buddhistischen Elementen) gedeutet. Diese Deutungen sind zwar aus der chinesischen Tradition erwachsen, entsprechen aber mit Sicherheit nicht dem Sinn der eigentlichen Orakelsprüche, denn diese sind Jahrhunderte vor Konfuzius und den Taoisten entstanden. Allenfalls kann man annehmen, dass die erwähnten philosophischen Schulen Gedanken ausgeformt haben, die zur Zeit der Entstehung der Orakelsprüche des I Ging latent in der chinesischen Kultur vorhanden waren. Keinesfalls aber kann man solche Deutungen eins zu eins übernehmen.

An der Eranos-Stiftung, einem Zentrum für Tiefenpsychologie, Religionsphilosophie und west-östlichen Austausch in Ascona (Schweiz), wurde die tiefenpsychologische Perspektive des I Ging seit der Stiftungsgründung 1933 erkannt. In jahrzehntelangem Studium erarbeitete Rudolf Ritsema, der langjährige Präsident von Eranos, ein ganz neuartiges Übersetzungskonzept, das er in einer Übersetzung ins Englische und einer ins Italienische umsetzte. Die deutsche Eranos-Übersetzung ist fertiggestellt und erscheint im Spätsommer 2000 bei O.W. Barth. Die Eranos-Übersetzungen sind dem Grundsatz verpflichtet, möglichst nahe beim chinesischen Text zu bleiben und sich irgendwelcher Deutungen nach Möglichkeit zu enthalten. Um die einzelnen Prinzipien des Übersetzungskonzepts zu verstehen, muss man einiges über das schriftliche Chinesisch der Antike wissen.

Die Grundeinheit der chinesischen Schriftsprache ist das Schriftzeichen für ein Wort, das sogenannte Ideogramm. Anders als bei unserem Alphabet, das die abstrakte Lautstruktur der Wörter abbildet, enthält das chinesische Ideogramm meistens einen gewissen bildhaften Anteil. Ideogramme sind aus Abbildungen der Wirklichkeit entstanden, die immer mehr stilisiert wurden.

Dies soll anhand eines bestimmten Ideogramms verdeutlicht werden. Das Hexagramm 58, Dui, trägt in der Eranos-Übersetzung den Namen "das Offene".

Das Ideogramm für Dui setzt sich zusammen aus den Zeichen für Mund, Beine und Dampf, was auf die Bedeutung "sprechen" hinweist. Es muss hier aber betont werden, dass diese Erklärung zwar einsichtig ist, wenn man die Bedeutung schon kennt, dass sie aber nicht eindeutig ist in dem Sinn, dass man vom Ideogramm automatisch auf die richtige Bedeutung schliessen könnte.

An die Bedeutung "sprechen" schliessen sich nun andere Bedeutungen des Ideogramms an, nämlich "Kommunikation" sowie "offener, freier Austausch". Damit ist auch der Austausch von Waren angesprochen; weitere Bedeutungen von Dui sind "Handel, Preis, verkaufen, tauschen", und schliesslich bezeichnet Dui auch den Ort, wo der Handel stattfindet: "Markt". Die Menschen treffen sich beim Markt, was eine Verbindung zu einer weiteren Bedeutung herstellt, nämlich zu "begegnen, versammeln".Ein wieder anderer Bedeutungskreis ergibt sich aus der Idee, dass auch Wasser sich an bestimmten Orten sammelt; Dui heisst auch "Sumpf, Teich, See". Das liebliche Bild des Sees und die heitere Stimmung beim Markt schlagen sich in einem weiteren Bedeutungskreis nieder: "Freude, Heiterkeit, Glück, Zufriedenheit".Auf einer tieferen Ebene sind alle diese Bedeutungen miteinander verbunden in der Idee des Offenen. Dies ist der Grund, weshalb in der Eranos-Übersetzung dafür das deutsche Wort "das Offene" verwendet wurde.

Die Chinesen können nicht umhin, diese Bildanteile zu aktivieren, wenn sie das Zeichen Dui sehen. Das Ideogramm ist wie eine schillernde Perle, die je nach Gesichtswinkel eine andere Farbe zeigt. In einer Übersetzung sind wir naturgemäss gezwungen, einen Aspekt herauszugreifen und die anderen in den Hintergrund zu schieben.

Wie man am obigen Beispiel sieht, sind einige dieser Bedeutungen im Deutschen als Verben, andere als Substantive, wieder andere als Adjektive wiedergegeben.Der Grund dafür liegt in einem tiefgreifenden Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Chinesischen: Ein und dasselbe chinesische Ideogramm kann entweder Verb, Substantiv oder Adjektiv sein und ändert dabei seine Form nicht. Ob ein Ideogramm einen Plural bezeichnet, ob es Vergangenheit ausdrückt, ob es eine bestimmte grammatische Person ausdrückt: Es wird nicht verändert.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:
Der Text zur 5. Wandlungslinie von Hexagramm 56 lautet in einer absolut wörtlichen Übersetzung "Schiessen Fasan. Ein-einziger Pfeil auslöschen." Es ist grundsätzlich nicht bestimmt, ob es sich um einen Fasanen oder mehrere handelt, wer schiesst, und ob dieser Vorgang in der Gegenwart oder der Vergangenheit stattfindet. Im Deutschen sind wir gezwungen, gewisse grammatische und inhaltliche Interpretationen vorzunehmen. In der Eranos-Übersetzung heissen die Sätze:

Schiessen auf einen Fasan.
Mit einem-einzigen Pfeil ausgelöscht.

Fett- und Magerdruck
Der Magerdruck wird in der Eranos-Übersetzung für Wörter verwendet, die nicht einem chinesischen Ideogramm entsprechen, sondern von den Übersetzern engefügt wurden, damit ein grammatisch einigermassen richtiger deutscher Satz entsteht. Diese Wörter sollen den deutschen Text lesbarer machen. Die Übersetzer versuchten aber, diese Einfügungen auf ein Minimum zu beschränken; so fehlt in den erwähnten ins Deutsche übersetzten Sätzen das Subjekt, weil es auch im Chinesischen nicht vorhanden ist. Es entstehen auf diese Weise Sätze, die grammatisch nicht völlig bestimmt sind und die der offenen Qualität der chinesischen Orakeltexte treu bleiben.

Bedeutungsfelder eröffnen den Zugang zu weiteren Bedeutungen
Am Beispiel vom Ideogramm "Dui" wurde oben die Vieldeutigkeit der chinesischen Schriftzeichen demonstriert. Wie in jeder Übersetzung besteht auch hier das Problem in der Auswahl eines deutschen Wortes für diesen chinesischen Bedeutungskomplex: Einerseits finden wir kaum ein deutsches Wort, das alle chinesischen Bedeutungen umfassen würde, andererseits trägt das deutsche Wort oft Bedeutungen, die im Chinesischen nicht enthalten sind. In der Eranos-Übersetzung wird folgender Kompromiss eingegangen:Jedem chinesischen Ideogramm entspricht über den ganzen Text hinweg ein und immer dasselbe deutsche Wort. Nach jedem Orakelspruch findet sich ein Abschnitt, Bedeutungsfelder genannt, in dem jedes im Text erschienene Wort nochmals erwähnt wird, zusammen mit den wichtigsten Bedeutungen, die durch das chinesische Ideogramm auch noch ausgedrückt sind.Ein Beispiel:
Schiessen, SHE: Mit dem Bogen schiessen, zielen und treffen; schleudern, hervorschiessen; einen Blick werfen; einen Plan entwerfen. Ð Ideogramm: Pfeil und Körper.

Es liegt nun am Benutzer des Buches, aus diesem Bedeutungsangebot diejenigen Aspekte herauszugreifen, die ihm in seiner Situation besonders wichtig erscheinen. Geht es bei seiner Frage beispielsweise um ein geschäftliches Vorhaben, so könnte die Bedeutung "einen Plan entwerfen" besonders hervortreten.

Ein Ideogramm wird immer mit dem gleichen Wort übersetzt
Eine weitere Besonderheit der Eranos-Übersetzung ist das oben schon angedeutete Eins-zu-Eins-Übersetzen: Jedes chinesische Ideogramm wird im Deutschen mit dem jeweils gleichen deutschen Wort wiedergegeben. So kann die Verwendung eines bestimmten Wortes über den ganzen Text verfolgt werden. Zu diesem Zweck wurde auch eine Konkordanz zusammengestellt, in der jedes Wort mit all seinen Verwendungen im I Ging aufgelistet ist. Ein weiterer Grund für das Eins-zu-Eins-Übersetzen liegt in der Genauigkeit der Übersetzung. Die Übersetzer haben darauf geachtet, dass das ausgewählte deutsche Wort möglichst die Färbung des gesamten chinesischen Bedeutungsfeldes trägt (vgl. die Bemerkungen oben zum Ideogramm Dui). Ein Beispiel soll die Wichtigkeit dieser Strategie erläutern:

In Richard Wilhelms klassischer Übersetzung steht das Wort "Gefahr" für drei verschiedene chinesische Ideogramme, die auf Grund ihrer Bedeutungsaspekte ganz verschiedene Färbungen haben. Eines hat mit einer wirklichen Gefahr für Leib und Leben zu tun (in der Eranos-Übersetzung: Gefährdung), eines mit einer riskanten Unternehmung, der man aber nicht ausweichen kann (in der Eranos-Übersetzung: Riskieren) und ein drittes mit einer unangenehmen Situation, die, wenn man sich ihr stellt, den Charakter wie ein Wetzstein schärft und poliert (Eranos-Übersetzung: Widrigkeit).Für die Benutzer des I Ging kann es durchaus eine Rolle spielen, ob ein bestimmtes Verhalten in den Orakeltexten als wirkliche Gefahr, als unausweichliches Risiko oder als eine Widrigkeit beschrieben wird.

Indem die Eranos-Übersetzung sich an die Regel "immer das gleiche deutsche Wort für ein Ideogramm" hält, bleibt sie viel näher am chinesischen Text. Dadurch entstehen aber auch gelegentlich etwas merkwürdige Sätze. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass der Charakter des Seltsamen, des Schwebenden und etwas Unbestimmten auch für die chinesischen Orakeltexte typisch ist.

Doppelpunkt in der Funktion eines Verbs
Eine weitere Eigenheit der deutschen Eranos-Übersetzung ist die Verwendung des Doppelpunkts. Im Chinesischen fehlt oft die Kopula, das Verbindungsverb. So stehen Sätze wie "Haus schön" für "Das Haus ist schön" usw.Da nicht immer klar ist, welches Verb im Deutschen nun eingefügt werden müsste, wurde in solchen Fällen der Doppelpunkt an Stelle eines Verbs eingesetzt. So lautet der Text zur 4. Wandlungslinie in Hexagramm 37:

Wohlstand im Zuhause : Das Grosse, sinngebend.

Folgende Deutungen wären hier etwa möglich: "Der Wohlstand im Zuhause entspricht dem Grossen und ist sinngebend." "Der Wohlstand im Zuhause ist gross, das ist sinngebend." "Für den Wohlstand im Zuhause ist das Grosse sinngebend" (wobei das Grosse im I Ging mit der Fähigkeit zu tun hat, selbstbestimmt ein hohes Ziel zu verfolgen).

Wahrung von Mehrdeutigkeiten
Das Chinesische kennt mehrdeutige Strukturen wie z.B. den Ausdruck Qu Nü (wörtlich: "Ergreifen weiblich"). Diese mehrfach vorkommende Formel kann bedeuten, dass eine Frau ergreift oder dass eine Frau ergriffen wird. Im Deutschen haben wir dafür den Ausdruck "Das Ergreifen des Weiblichen" gewählt, der beide Lesarten beinhaltet.

Diese Besonderheiten der Übersetzung führen dazu, dass der deutsche Text weder grammatisch noch stilistisch den Ansprüchen entspricht, die wir normalerweise an gepflegte Sprache stellen. Es sollte aber aus dem Vorangegangenen deutlich geworden sein, dass diese ungewohnte Weise des Übersetzens ganz im Dienste der Nähe zum Chinesischen steht und die Wahrung der Qualität des Orakels und seiner eigentümlichen Mehrdeutigkeit sichern soll.

Die Eranos-Übersetzung liefert so ein Instrument, das es den Benutzern erlaubt, in einen aktiven und psychologisch anspruchsvollen Prozess der Selbsterforschung einzutreten.


Die neue Eranos-Übersetzung erscheint im Spätsommer 2000:
I Ging (Yi Jing). Das Buch der Wandlungen.
Die einzige deutsche Übersetzung der vollständigen Orakeltexte mit Konkordanz.
Übersetzt und herausgegeben von Rudolf Ritsema und Hansjakob Schneider.
München: O.W. Barth.

Möchten sie mehr über das I Ging erfahren?
Dann wenden Sie sich entweder an die
Eranos-Stiftung
Via Moscia 127
6612 Ascona
Tel.: 091/791 15 70
Fax: 091/792 25 70
Internet: www.eranosfoundation.com

Oder setzen Sie sich mit Hansjakob Schneider in Verbindung.
Er berät Sie auch gerne im Falle einer konkreten I Ging-Befragung:
Dr. phil. Hansjakob Schneider
Chüngengass 11
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